Wenn ich an „schlechtes Gewissen“ denke, kommen mir gleich Bilder aus mittel-guten bis grottig-schlechten Filmen in den Kopf. Pralinen oder Blumen vom Freund oder Ehemann, der fremdgegangen ist, und versucht sein schlechtes Gewissen mit teuren Geschenken in den Griff zu bekommen. Das ist für meine Begriffe das typisch schlechte Gewissen. Mein schlechtes Gewissen sieht anders aus.

Wir haben am Samstag eine Hochzeit fotografiert. Ein großartiger Tag, wenn sich zwei Menschen lieben – er ihr oder sie ihm in der Vergangenheit noch keine Pralinen kaufen musste – und sich sicher sind, ihr Leben miteinander verbringen zu wollen. Ich liebe Hochzeiten – wenn sie echt sind. Die am Samstag war so eine. Ein wirklich tolles Paar mit großartigen Freunden & einer sehr herzlichen und aufgeschlossenen Familie, die uns mit offenen Armen aufgenommen hat.

Hochzeitstage im Allgemeinen werden heutzutage minutiös geplant, meist bereits 1-2 Jahre im Voraus. Da gibt es die Standardinge, die festgelegt werden müssen, wie Location, Caterer, Standesamt, Kirche, Brautkleid, Anzug, Fotografen. Und irgendwann kommt man dann vom Hundertstel ins Tausendstel. Einladungskarten, Torte, Sitzplan, Tischdeko, Maskenbildnerin, Candybar, Hochzeitstanz, Brautstrauß, Tischkärtchen, Gäste-Giveaways, DJ, Sängerin, Hochzeitsauto und so weiter und so weiter. Ihr seht, heiraten ist keine leicht Sache.

So ein Hochzeitstag soll schön sein. Vielleicht sogar der schönste Tag im Leben. Das ist der Anspruch der meisten Brautpaare. Deshalb planen sie ja eine halbe Ewigkeit an dieser Feier, die unvergesslich und einzigartig werden soll.

In diesen Kontext passen weder ein Putschversuch in der Türkei, noch ein Terroranschlag in Nizza. Schlagzeilen wie „Zwei Tote nach Schießerei in Stuttgarter Anwaltskanzlei“ oder „Amoklauf in Regionalbahn bei Würzburg“ sind leider nicht hochzeitstauglich. Alles passiert. In nur sieben Tagen. Was für eine kranke Welt.

Und dann fotografierst du samstags eine Hochzeit und befindest dich in einer Blase aus Liebe, Sonnenschein und Wohlfühlmolekülen. Die Welt scheint so unendlich gut. Keine Sorgen, keine Probleme. Nur Liebe. Wäre der ganze Terror nicht mittlerweile in meinen Kopf und mein Herz, wie in Stein gemeißelt, würde ich es tatsächlich glauben und in diesem wohligen Gefühl baden und versuchen so viel wie möglich von diesem Glücksgefühl für die nächsten Tage aufzusaugen. Ich würde es genießen, in vollen Zügen. Aber so? Wo es doch in jeder Sekunde jeden Menschen auf jede erdenkliche, schreckliche Weise treffen kann? Mein Kopf lässt das nicht zu. Er macht mir da eiskalt einen Strich durch die Rechnung. Tschüss Liebesblase. Hallo schreckliche Welt.

Ich verstehe die Menschen total. Ich habe mittlerweile auch einfach keine Lust mehr. Keine Lust mehr die Nachrichten einzuschalten und immer wieder auf´s Neue schockiert zu sein. Keine Lust mehr, jeden Tag mit dem Tod konfrontiert zu werden. Und dann bist du auf einer Hochzeit und denkst dir einfach „Heute lass ich mir den Spaß nicht verderben! Scheiß auf Erdogan, den IS und wie sie alle heißen!“ Ich kann das verstehen. Und trotzdem bin ich verwundert über den Fakt, dass es 100 Menschen über zehn Stunden lang schaffen, das komplette Drumherum auszublenden und nicht einmal über die Vorkommnisse der letzten Tage sprechen. Die Blase der Wohlfühlmoleküle hat sie gepackt und lässt sie für den Moment nicht los. Ich beneide euch. Ich kann das nicht. Mein schlechtes Gewissen und ich kämpfen einen Kampf, den ich verliere. Ich kriege die schrecklichen Bilder nicht aus dem Kopf und frage mich, ob die anderen Menschen, die vordergründig lachen und Spaß haben, innen drin genauso aussehen wie ich. Verwirrt. Traurig. Hilflos. Ich bin ein elender Nachdenker. Ich denke ständig und immer. Viel zu oft viel zu viel. Ich lasse die Dinge zu nah an mich ran.

Was passiert mit uns. Was machen wir aus unserer Welt? Oder treffender: was wird aus unserer Welt gemacht?

Sitzt ihr auch nachts vorm Fernseher und könnt die Augen nicht von den Nachrichten lassen? Wie geht ihr mit all dem um? Könnt ihr abschalten? Die Seele baumeln lassen? Den Alltag genießen? Ich freue mich über eure Kommentare… Nur das Beste, eure Katharina

 


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