Keine Lust schon wieder mit meinem gefährlichen und unqualifizierten Fußball-Halbwissen konfrontiert zu werden? Keine Angst. Kaum hatte sich Deutschland aus Frankreich verabschiedet, schon war meine Euphorie vorbei und das Finale am Sonntag fand ohne mich statt. Trotzdem habe ich natürlich mitbekommen, dass „Not gegen Elend“ spielte, wie es ein Freund, wohl sehr treffend, auf Facebook postete.

Für all diejenigen, die noch weniger, als ich mitbekommen haben: Portugal hat das Ding nach Hause geholt. Frankreich ging leer vom Platz. Und weil ich seit einem Porto-Kurztrip Anfang des Jahres ein riesiger Fan von dieser Stadt bin, gibt es heute eine Lobhudelei auf diese wundervolle Stadt.

Porto, Portugal. 237 000 Einwohner auf 41 Quadratkilometern. Nach Lissabon die zweitgrößte Stadt des Landes. Liegt am Fluss Douro. Das sind die Fakten.

Emotional gesehen haut mich Porto einfach nur um. Eine Stadt in Europa, die gar nicht europäisch wirkt. Kleine, alte Häuser, die aus den verwinkeltsten Ecken sprießen. Dicht an dicht stehen sie an den Hängen. Irgendwie heruntergekommen. Alt. Schmuddelig. Beim genauen Hinschauen werden wir in eine längst vergangene Zeit katapultiert. Wir gehen durch die Straßen. Bilder rattern durch die Köpfe. Szenen, die sich abspielten, als der Stuck noch nicht von den Decken gebröckelt war. Wo wir auch hinschauen, entdecken wir verspielte Schnörkeleien. Überwältigende Bauten mit farbenfrohen Türen und Fliesen an den Wänden. Kunst. Wie kann man solche Schätze nur so verkommen lassen? Oder ist es Kunst, gerade weil alles so heruntergekommen ist? Fast 20% der Häuser in Porto´s Innenstadt stehen leer. Die Atmosphäre schwankt zwischen Geisterstadt und ausgelassenem Trubel. Nie haben wir das Gefühl, dass wir uns in einer Großstadt befinden. Die Menschen, die hier leben und arbeiten, sind zwar aufgeschlossen, sympathisch und extrem gelassen, wie in einer Großstadt, aber der Trubel fehlt. Hier ticken die Uhren langsamer. Wenn uns ein Kellner einen Kaffee und ein paar Oliven an den Tisch gebracht hat, macht er danach gerne erstmal ein kleines Päuschen. Man soll sich schließlich nicht überarbeiten. Hier hast du das Gefühl, dass alles richtig läuft. Hier arbeiten die Leute um zu leben und nicht andersrum. Die ständige Hetzerei aus Deutschland scheint es hier nicht zu geben. Man wartet in Porto auf sein Essen gerne mal ein paar Minuten länger. Wen stört´s? Die Leute tun sich hier die Ruhe rein. Gratulation dazu! Burn Out kennt man hier wahrscheinlich nicht. Auch Laktoseintoleranz, Vegan und Flaschenpfand stehen hier nicht dick, fett und groß gedruckt im Duden. Wenn du in den Supermarkt gehst und eine Tüte Toast von der Marke „Bimbo“ kaufst, ist das politisch unfassbar unkorrekt, keine Frage, aber irgendwie ist es auch schön, dass sie hier auf alles scheißen. Was ist schon dabei? Natürlich ist der Erfinder des Bimbo-Toasts kein Rassist. Hier nimmt man einfach nur alles nicht so genau.

Fünf Tage Porto heißt fünf Tage Urlaub von der deutschen, bürokratischen Engstirnigkeit. Entspannen. Wenn man im komplett überfüllten Feierabend-Bus dem Fahrer seinen rechten Außenspiegel blockiert, weil es einfach keine andere Möglichkeit gibt, sich zu platzieren, helfen Einheimische ihm mit Zurufen á la „Rechts ist frei!“ oder „Stop! Da kommt einer!“. Manchmal bekommen wir auch ein Handzeichen inklusive Augenzwinkern, dass wir uns kurz in die Hocke bemühen sollen. Sobald die Gefahr vorüber ist, erhalten wir natürlich auch wieder einen Wink mit einem lächelnden „Obrigado.“. Und wenn alle Stricke reißen, lenkt der Fahrer seinen Riesenbus kurzerhand im Stehen und lacht sich dabei kaputt. Hallo? Geht es entspannter? Das will ich mal in Deutschland sehen.

In Porto liegt ein Hauch von Melancholie. Die verlassenen Häuser, die kaputten Rollläden und Fassaden stimmen einen nachdenklich. Überall wo wir hinschauen, gibt es etwas zu fotografieren. Es ist hier einfach so anders, als in Deutschland. So nicht europäisch. Obwohl der Flieger gerade mal gute 2.5h braucht und dazu noch einen Witz kostet. Mit Billigfluggesellschaften und einfachem Handgepäck ist es quasi teurer in Deutschland zu bleiben. Bei Airbnb gibt es hunderte Möglichkeiten für großartige und preiswerte Unterkünfte. Und das Essen und die Getränke kosten hier gerade einmal die Hälfte. Oft sogar nur ein Drittel von den uns bekannten deutschen Preisen. Ein Kilo Mandarinen: 0.50 €. Ein Bier im Restaurant: 1.00 €. Suppe: 1.00 €. Die besten Pommes, die ich je gegessen habe: 1.00 €. Bahnfahrt zum Flughafen: 1.85 €. Apropos Flughafen: dort bekommst du als erstes einen Stadtplan persönlich in die Hand gedrückt. Außerdem stehen an den Ticketschaltern für die Bahn jede Menge Helfer, die dir erklären, wie das Teil funktioniert, was du drücken musst und, dass du das Bahnticket nicht wegschmeißen sollst, weil du es immer wieder aufladen kannst. Cool oder cool?

Auf die Waage darf man sich nach einem Porto-Trip nicht stellen. In dieser wundervollen Stadt kann man sich quer durch die Karte essen und alles schmeckt. Was man auf keinen Fall verpassen darf, ist das portugiesische Nationalgericht: Francesinha. Ein mit Käse überbackenes Toast mit gefühlten 20 verschieden Fleisch- und Wurstsorten und mindestens 12.000 Kalorien. Nichts für schwache Nerven. An alle deutschen Mädels da draußen: euch reicht ein Halbes. Auch wenn die einheimischen Damen locker ein ganzes Francesinha verputzen… aber die sind in Übung. Die essen das jeden Tag. Wohin sie das allerdings essen, bleibt ein Rätsel. Besonders dick ist hier keiner. Vergesst nicht so viel Sangria zu trinken, wie es geht. Der hat natürlich nichts mit dieser albernen Ballermann-Geschichte zu tun, sondern ist ein unfassbar leckerer, frisch zubereiteter Rot- oder Weißwein inklusive leckerem Obst in einer großen Karaffe. Mehr als gut. Genau wie der Portwein, der bei uns in Deutschland schon lange völlig aus der Mode gekommen ist. Auch hier: rot oder weiß. Weiß, süß aber etwas herber, als Aperitif. Rot, dickflüssig süß, als Digestif. Oder einfach mal zwischendurch. Portwein geht immer. Nur nicht zum Essen, wenn du einen Profi fragst. Und das solltet ihr euch nicht entgehen lassen.

In Villa Novo de Gaia gibt es ein paar Weinkellereien, die kurzweilige und echt interessante Führungen anbieten. 30 min für 6.00 € inklusive zwei Gläsern Portwein. Sollte man machen. Nicht nur wegen des Portweins. Wir haben einen jungen, hippen Einheimischen erwischt, der in einem 1A Englisch, neben den Fakten, einen Witz nach dem anderen rausgehauen hat. Daumen hoch! Generell gilt, wenn du dich in jungen, coolen Läden bewegst, spricht jeder fließend englisch. Wenn nicht, bemüht er sich zumindest und man gelangt mit Händen und Füßen zu einem super Ergebnis. Die ältere Generation scheint nicht so fit zu sein, was die Verständigung mit Ausländern angeht. Aber hey, es gibt Schlimmeres. Während du in Deutschland in Touri-Gebieten gerne mal bei der Rechnung über´s Ohr gehauen wirst, egal ob du Touri bist oder nicht, wurde bei uns in Porto auf durchweg jeder Rechnung mindestens ein Posten ausgelassen. Ob man das hier so macht? Keine Ahnung, aber wir haben das Ganze durch Trinkgeld wieder ausgeglichen. Ungläubige Augen, weil hier Trinkgeld wohl nicht so an der Tagesordnung liegt.

Ansonsten gilt: geht viel zu Fuß, schlendert durch die kleinen Gassen und saugt die mystische Atmosphäre auf. Es geht den ganzen Tag Berg auf und Berg ab… zieht euch also warm an. Ich hatte noch nie in meinem Leben – und das ist kein Witz – so heftigen Muskelkater in den Waden. Bis zum steinigen, rauen Strand sind es rund 7 Kilometer. Ohne Berge. Auf dem Weg gibt es etliche Möglichkeiten in ausgefallenen Cafés und schönen Restaurants halt zu machen. Mit der alten Straßenbahn kommt man bequem wieder zurück in die City. Während in Deutschland der kalte Winter tobt, sind es hier angenehme 15 Grad. Die schönste Möglichkeit dem grauen Alltag Tschüss zu sagen und sich ein Stück Freiheit, Gelassenheit und Besonderheit zu angeln. Porto ist besonders. Anders. Porto muss man gesehen haben. Hin da.

Wenn euch das Fernweh packt & ihr Porto-Tipps braucht, meldet euch gerne jederzeit.  Welche Stadt ist euer persönliches Porto? Also wo fühlt ihr euch wohl, wo ticken eure Uhren langsamer, wo könnt ihr so richtig entspannen und loslassen? Ich freue mich über eure Kommentare!

Beste Grüße, eure Katharina.

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