Es trifft immer nur die Anderen. Unfall? Ich doch nicht – ich fahre immer total vorsichtig. Krankheit? Ja, mal die ein oder andere Grippe, Mandelentzündung oder Magendarm, aber was Schlimmes… ich doch nicht! Während wir so gedankenverloren vor uns hinleben und die Jahre in einem Affentempo an uns vorbeirattern, fühlen wir uns wohl behütet in unserer schönen Alltags-Blase. Hier ist es zwar oft stressig zwischen Arbeit, Kind, Haushalt und dem ganzen Pipapo, aber es handelt sich um uns wohl bekannten Stress, der einfach dazu gehört. Unsere Komfortzone ist so schrecklich bequem, dass man sich nur selten bemüht, aus ihr auszubrechen. Über den Tellerrand schauen: ja. Den Sprung auf einen anderen Teller wagen: nein. Viel zu bequem hier.

Wir leben und arbeiten so vor uns hin, hetzen von A nach B, rennen schnell zur Bahn, stehen im Stau, regen uns über die Schlange an der Kasse im Supermarkt auf, kümmern uns mal eben noch um die Wäsche und verpassen letztendlich das Abendprogramm im Fernsehen, weil wir bis spät in die Nacht dabei sind alles zu erledigen, was zu erledigen ist. Das mit dem Fernsehprogramm ist heutzutage natürlich halb so wild. Wo nur Quatsch läuft, kann auch nur Quatsch verpasst werden. Aber das Durchgeprügel von Alltagsterminen ist enorm. Das Genießen kommt zu kurz. Das wirkliche Erleben von Situationen ist in den Hintergrund gerückt. Man arbeitet sie nur noch ab. Mal eben schnell.

Und während wir mal eben schnell dies machen und mal eben schnell noch das erledigen, macht es BUMM und wir wachen auf. Da ist sie weg, unsere Blase. Alltag Adieu. Komfortzone… was ist das?

In den letzten Wochen sind einige Dinge in meinem Umfeld passiert, die mich schwer zum Nachdenken gebracht haben und bringen.

Der Freund meines 10-jährigen Patenkindes verliert seine Oma. Autounfall am helllichten Tag – ein Fahrer verirrt sich auf ihre Spur, die Beiden treffen sich, ihr Auto macht mehrere Überschläge. Die 60-jährige Dame verstirbt noch am Unfallort. Sie trifft keinerlei Schuld. Davon kann sich keiner etwas kaufen. Davon kommt sie nicht zurück. Der Fahrer bleibt unverletzt.

Einige Tage später, auf dem Weg zu meinen Eltern. Stuttgart – Remscheid. Ziemlich genau 400km.   Eine halbe Stunde bevor es heißt, „Sie haben ihr Ziel erreicht.“, sehe ich, dass die Gegenfahrbahn komplett gesperrt ist. Krankenwagen, Abschlepper, Rettungshubschrauber und ein LKW, der seltsam quer und hoch in die Luft ragt, mit zerschmetterter Windschutzscheibe, belegen die dreispurige A1 in Richtung Köln. Als ich hinterher im Radio höre, was passiert ist, wird mir ganz schlecht. Der LKW-Fahrer hat ein Wohnmobil unter sich begraben. Eingeschlafen, SMS geschrieben oder vor lauter Langeweile YouTube Videos geschaut. Man weiß es nicht. Menschliches Versagen. Der Fahrer des Wohnmobils war auf der Stelle tot. „Man vermutet weitere Menschen im Wohnmobil“, heißt es im Radio. Der LKW-Fahrer bleibt weitestgehend unverletzt. Ich rege mich schon lange nicht mehr über Stau auf. Seit diesem Tag noch viel weniger. Ich bin immer nur froh, dass ich nicht der Auslöser bin.

Anfang Juni entdecke ich bei Facebook einen Beitrag auf meiner Timeline. Irgendwas mit „Schicksal“ und „Arschloch“. Im ersten Augenblick denke ich, wie immer, wenn ich so etwas lese, „Jammert doch nicht alle so viel rum! So schlimm wird´s schon nicht sein.“ Nachdem ich auf den Beitrag geklickt und ihn mit Tränen in den Augen gelesen habe, hätte ich mich für meine vorschnelle Verurteilung ohrfeigen können. Denn doch, so schlimm ist es. Eine Kollegin, gerade mal Mitte dreißig, hat Krebs. Stadium: fortgeschritten. Die Chemo hat bereits begonnen. In den nächsten Tagen sehe ich Bilder von Krankenhausbetten, Zugängen, Tablettenschachteln, fallenden Haaren und einer neuen, mutigen Frisur. Wobei die Glatze natürlich nicht das Mutige ist, sondern, dass sie sie so offen und ohne Scham oder Angst vor den Blicken der Anderen zeigt. Meinen tiefsten Respekt.

Und als ich vorgestern Abend dann im Bett lag und auf Arte „Heute bin ich blond“, nach dem gleichnamigen autobiographischen Bestseller von Sophie van der Stap, zum wiederholten Male, und wie immer tränenüberströmt angeschaut habe, wusste ich, es ist Zeit aufzuwachen. Zeit etwas zu ändern. Ja ja, ich weiß, das ist nur ein Film und ich bin unfassbar nah am Wasser gebaut, Sternzeichen Fische, das erklärt Einiges, aber das wahre Leben ist doch ganz genauso.

Keiner sucht sich aus Krebs zu bekommen oder bei einem Autounfall ums Leben zu kommen. Es gibt Dinge, die kann man nicht planen, auf die kann man sich nicht vorbereiten. Die sind einfach da. Von einer auf die andere Sekunde. Und da kannst du dann einpacken mit „Ich und krank? Niemals!“ Oder „Ich? Unfall? Ach Quatsch!“. Es trifft eben nicht immer nur die Anderen.

Wenn ich also ohne Kopf durch meinen Alltag renne, wo renne ich eigentlich hin?

Stehen bleiben. Den Tag genießen. Die Welt erleben. Drei Dinge, ganz oben auf meiner To-Do-Liste.

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