„Haha, ernsthaft? Wanderlust?!“, höre ich mich noch vor gut einem Jahr sagen, während ich mich, abgeschottet von der Außenwelt, durch Instagram wüte, das ich gerade neu für mich entdeckt hatte. Wandern war schon uncool, als ich noch in der Grundschule war. Und obwohl man am Wandertag gar nicht wandern ging, sondern ins Phantasialand, hatte selbst dieser Ausflug einen angestaubten Beigeschmack. Wander-Tag. Wie sich das schon anhörte. Mit Wandern konnte man mich noch nie hinterm Ofen hervorlocken. Zum Glück haben das meine Eltern nie versucht. Jetzt soll das Wandern tatsächlich sein Comeback feiern? Und alle arschcoolen Leute taggen ihre Bilder mit #wanderlust. Sogar die Nicht-Deutschen. Alle haben sie Lust zu Wandern. Krass. Da muss der neueste Trend ja echt an mir vorbei gewandert sein.

Ob ihr´s glaubt oder nicht, ich hab´s am Anfang echt nicht geblickt. #wanderlust – Die englische Übersetzung von Fernweh. Da stand ich wohl ein kleines bisschen auf dem Schlauch. Ihr dürft lachen, ich komm damit klar. Mein Englisch ist eigentlich gar nicht so übel, aber wenn du dieses Bild von diesen Menschen mit diesen Bergsteigerstiefeln im Kopf hast, die voller Lust über Feld, Wald, Wiesen und Berge wandern, dann denkst du doch nicht daran, dass „wanderlust“ ein internationaler Hashtag sein könnte. Ja okay, könnte man dran denken. Im Jahr 2016. Bei Instagram. Könnte man. Hätte hätte Fahrradkette.  Hab ich aber nicht. Jetzt bin ich schlauer. Wenn ich heute bei Instagram #wanderlust eingebe, erhalte ich 15.791.435 Beiträge. Alter Verwalter, ist die Menschheit wanderlustig. Jetzt mal ohne Witz: jeder hat doch heutzutage Fernweh. Jeder will die Welt bereisen. Fremde Kulturen und Menschen kennenlernen. Unbekannte Gerüche aufsaugen, andere Lebensarten entdecken, sich so viel Gelassenheit wie möglich einimpfen, um ein Stück vom Glück mit nach Hause nach Deutschland zu nehmen. Wir Deutschen haben den Spaß nicht erfunden, umso mehr tut es uns gut, zumindest für einen kurzen Moment, am anderen Ende der Welt nicht auf die Uhr schauen zu müssen. Abenteuer zu erleben. Dem Alltag zu entfliehen. Staunen, große Augen machen, überwältigt sein. Alles Dinge, die im Alltag nur selten Platz finden.

Nach dem Abi sind einige meiner Kollegen für ein Jahr ins Ausland gegangen. Die haben alles richtig gemacht, denke ich heute. Damals habe ich überhaupt nicht den Drang verspürt aus Deutschland abzuhauen. Wahrscheinlich weil es damals noch keine grandiosen Scripted-Reality-Dokus wie „Auf und davon“ oder „Die Auswanderer“ gab. RTL 2 ist Schuld. Nein. Eigentlich sind meine Eltern Schuld und irgendwie auch doch wieder nicht. Heutzutage willst du deinen Kindern die Welt zeigen. Wenn du in den Urlaub fährst oder fliegst, dann am besten jedes Jahr an einen anderen Fleck auf der Erde. Die Welt ist groß und das Ziel sollte es doch sein, am Ende so viel wie möglich von ihr gesehen zu haben. Als ich noch Kind war, war das anders. Holland ist ein schönes Land. Das fanden meine Eltern. Ich auch. Also fuhr man dahin. Das war schön einfach – nur ein paar Autostunden von Köln entfernt, rucki zucki auf die Fähre Richtung Texel und schon bist du da. Im Paradies. Das war es für mich als Kind. Wir waren ganz eindeutig im besten Hotel am Platz untergebracht, es gab das leckerste Essen, das größte Softeis mit bunten Streuseln, drei Ponyhöfe, zu denen ich quasi hinspucken konnte, und den tollsten Strand mit dem schönsten, blausten, klarsten Meer der ganzen Welt. Oh ja. So war das damals. Jahr für Jahr habe ich mir schon Wochen vorher den Arsch weg gefreut, bald wieder in meiner zweiten Heimat zu sein. Holland war Gesetz. Ich habe es geliebt. Immer und immer wieder. Wer braucht schon einen Flieger, mit dem man um die Welt reist, um dann in einem Land zu landen, in dem die Leute noch nicht mal deine Sprache verstehen? Und Essen auf den Tisch bringen, bei dem du nur hoffen kannst, dass es sich mit deinen ethischen Prinzipien vereinen lässt. Und dabei rede ich nicht von Fleisch oder kein Fleisch. In Holland spricht jeder Deutsch. In Holland gibt es deutsches Essen. Das war perfekt für mich. Ich brauchte es weder exotisch, noch außergewöhnlich. Holland war Sicherheit. Ich wusste genau, was auf mich zukommt. Ich kannte jeden Kellner, Reitlehrer, Strandverkäufer, Fahrradverleiher und sogar die Gäste in unserem Hotel – schließlich waren wir nicht die Einzigen, die jedes Jahr wieder kamen. Das war schön. Wirklich.

Heute bin ich anders. Seitdem ich 2007 das erste Mal für´s Fernsehen nach Spitzbergen gereist bin, leide ich unter Fernweh. Natürlich hatte sich diese Holland-Euphorie irgendwann, mit spätestens zwölf, bei mir gelegt. Da war Holland auf einmal uncool. Und noch uncooler war es, mit den Eltern in den Urlaub zu fahren. Pubertät lässt grüßen. Zwischen Holland und Spitzbergen liegen einige Jahre und einige Urlaube – Italien, Frankreich, Spanien… viel weiter hat es mich nie gezogen. Hauptsache Sonne und Meer, war meine Devise. Andere Kulturen? Gibt es, muss ich aber nicht zwingend hautnah erleben. Wie man vielleicht zwischen den Zeilen bemerkt, ich war ein wahnsinnig wissbegieriger Teenager.

Auf Spitzbergen folgte New York, folgte Israel, folgte Dubai, folgte Rom. Alles für´s Fernsehen. Öffentlich Rechtliches. Mit Bildungsauftrag und so. Heißt: kein Strand, kein Meer, sondern Kultur. Perfekte Geschichte, schließlich war ich ja schon ein paar Jährchen aus meiner Pubertät herausgewachsen und interessierte mich mittlerweile auch für andere Dinge, als Sandkörner zwischen den Zehen, Salz auf der Haut und Sommersprossen im Gesicht. Obwohl die Sachen nach wie vor weit oben auf meinem Zettel stehen. Wenn du einmal die Welt gespürt hast, bemerkt hast, dass es unendlich viel zu entdecken gibt, so viele Dinge, die du noch nicht erlebt, so viele Kulturen, die du noch nicht kennengelernt hast, dann ist es wie eine Sucht. Die Sucht nach Neuem, Unbekanntem. Fernweh. Raus wollen, weil einem ansonsten die Decke auf den Kopf fällt. Raus aus dem verkopften Deutschland. In die weite Welt. Wer kennt das Gefühl nicht. Gefangen im Hamsterrad Alltag – in einer viel zu kleinen Wohnung, mit viel zu schlechtem Wetter und viel zu mies gelaunten Menschen um einen herum.

Seit 2007, seit Spitzbergen, ist mir eines klar. Egal was kommt, egal was wird, egal wo meine Reise hingeht, ich werde immer für die Selbstständigkeit kämpfen. Ich habe mir ganz bewusst ein Business aufgebaut, dass ich überall mit hin nehmen kann. Klar, ab und an habe ich Termine, an denen ich zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt, an einem ganz bestimmten Ort sein muss. Aber das ist okay. Trotzdem habe ich die Freiheit meinen Laptop in die eine, mein iPhone in die andere Hand zu nehmen und mit ihnen dahin zu gehen, wohin es mich in diesem Moment gerade zieht. Ich arbeite ortsunabhängig. Kein Nine-to-Five-Job. Kein Ich-bin-für-immer-und-ewig-an-diese-eine-Firma-in-dieser-einen-Stadt-gekettet. Natürlich verbringe ich einen Großteil meiner Zeit in meiner momentanen Wahlheimat, aber wenn es mich raus zieht, wenn ich frischen Input brauche, um wieder kreativ sein zu können, kann ich abhauen, ohne das die Arbeit liegen bleibt. Wenn du immer nur das Gleiche siehst, wirst du immer nur das Gleiche denken. Wenn du immer das Gleiche denkst, wirst du immer das Gleiche tun. Wenn nichts Neues in den Kopf rein kommt, kann auch nichts Neues aus dir herauskommen. Reisen ist die Rettung. Reisen macht kreativ. Reisen macht schlau, dankbar, nachdenklich, glücklich. Reisen lässt dich über den Tellerrand schauen. Reisen macht dich offen für alles, großzügig, hilfsbereit. Und warum sollte man immer nur in den wenigen freien Tagen im Jahr reisen, die man als Angestellter hat? Warum nicht einfach ein Leben bauen, wie es einem selbst gefällt? Warum eigentlich nicht?


 

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